26. November 2011

Ökumene

  Begegnungsreise zu den Christen des Libanon

Mitte Oktober habe ich mit dem Ökumene-Fachausschuss der Bayrischen Landeskirche den Libanon bereist, um etwas von der Geschichte und dem Miteinander der Christen in diesem Land zu erfahren. Die Gruppe von Theologinnen und Theologen, der ich seit fünf Jahren angehöre, arbeitet in Bayern der Kirchenleitung zu und bereitet ökumenische Prozesse und Veröffentlichungen vor. Um unseren Horizont zu erweitern, bereisen wir etwa alle vier Jahre andere christliche Länder – in diesem Jahr den Libanon. Wir trafen Kirchenführer und –vertreter der vielen orthodoxen Kirchen im Land, aber auch der katholischen und lutherischen Kirchen; auch einen schiitischen Scheich und ein palästinensisches Flüchtlingslager besuchten wir. Am Sonntag waren wir in der Deutschen Evangelischen Auslandsgemeinde in Beirut eingeladen.

Im Kloster Mar Antoine im Wadi Qadisha, dem heiligen Tal der maronitischen Christen

Die Damen der Evangelisch-Lutherischen Auslandsgemeinde in Beirut hatten Tee vorbereitet. Damit empfingen sie uns im Gemeindesaal. Die raumfüllende Bibliothek und der schwere Konzertflügel hüllten uns ein in die Sprache und Tonart der fernen Heimat Deutschland.

Eine knappe Woche haben wir „ihr Land“ bereist. Mir schwirren noch Bilder unsortiert durch den Kopf: von der feierabendlich gelaunten muslimischen Familie, die die Marienstatue in Harrissa erklomm, um die Abendstimmung über dem Meer zu genießen; von dem maronitischen Mönch, der einer jungen Frau eine Art eisernes Joch auflegte, ehe er mit ihr betete; von der Armenierin, die sich beinah scheu durch das Museum ihrer eigenen Geschichte am Katholikat bewegte, „zum ersten Mal“, wie sie sagte, „eine Gruppe vom Roten Kreuz besucht mich, denen will ich das zeigen“.

Eben sind wir noch durch die Stadt des Baubooms gegangen, wo graumoderne Geschäftshäuser aus dem Boden wachsen und die letzten Kriegswunden mit Bauzäunen und Plakaten von Luxusappartements überpflastert werden.

In den letzten Tagen haben wir viel erfahren von der Abwanderung, die die christlichen Gemeinschaften im Land stetig schrumpfen lässt, von dem Bewusstsein, dass der Frieden zwischen den Bevölkerungsgruppen des Libanon fragil und viel vom politischen Willen der Länder und Mächte ringsum abhängt. Wer kann, geht; wer nicht kann, arbeitet täglich hart, oft mit verschiedenen Jobs, um sich das teure Leben leisten zu können.

Besuch im Kindergarten des palästinensischen Flüchtlingslagers Schabra und Schatila

Die junge Muslima, die uns die Tage begleitet hatte, lehnte es geradezu ab, auf die Zeit des Bürgerkriegs angesprochen zu werden. „Wir sind müde, darüber nachzudenken.“ Und gefragt, was sie sich von ihrer Zukunft erwartet, hält sie uns die Gegenwart und ihr Lebensgefühl entgegen: „Wir Jungen wollen jetzt Spaß haben. Wir wollen feiern. Das ist alles.“

Die Damen, die jetzt vor dem Gottesdienst Kuchen herumreichen, gehören größtenteils schon seit Jahrzehnten zur Gemeinde. Sie sprechen die Landessprache, haben hier Kinder großgezogen, haben den Bürgerkrieg erlebt oder sind währenddessen -zig Mal hin- und hergezogen, weil jede Kriegsphase neu und unerwartet war – und jetzt, erklären manche Frauen auch traurig, haben einige ihrer Kinder mit ihren Familien das Land wieder verlassen. Unsere Frage, fürchten wir, ist vielleicht unhöflich, aber es interessiert uns einfach am meisten: „Warum sind Sie hier? Was hält Sie hier?“

Eine ältere Dame lacht und erklärt frei raus: „So ein bequemes Leben hätte ich in Deutschland nicht. Hier rufe ich an und dann bringt mir jemand aus dem Laden den Zucker in die Wohnung.“ Das Gespräch rankt sich noch um Hilfsbereitschaft und Wärme der Menschen, den Zusammenhalt, den sie während des Krieges erfahren haben, ja, auch Bedenken um den Frieden im Land. Als wir uns aufmachen in die Kirche hinunter zum Gottesdienst, schnappe ich die Antwort auf unsere Frage bei einem Seitengespräch auf. „Ich bin hier zuhause“, bekennt ein Gemeindeglied. In diesem Land genauso wie in ihrer Muttersprache und der westlichen Musik, der Liturgie und dem Glauben, den zu feiern sie sich seit Jahrzehnten hier sonntags versammeln.

Pfarrerin Anika Sergel-Kohls


Wenn Sie mehr über die Begegnungsreise erfahren möchten, sind Sie herzlich eingeladen zum Vortrag im Rahmen des Ökumenischen Studientags der Gebetswoche für die Einheit der Christen am 21. Januar 2012 im katholischen Pfarrsaal. Beginn ist 9.00 Uhr, anschließend besteht die Möglichkeit zum gemeinsamen Mittagessen.